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Dinge und Handlungsfähigkeit in der beruflichen Pflege Identifikation soziomaterieller Aspekte als vorbereitende Begriffsarbeit im Rückgriff auf die Akteur-Netzwerk-Theorie in der Lesart Bruno LatoursHeitmann-Möller, André 05 July 2022 (has links)
Hintergrund:
Materielle Artefakte bilden die handwerkliche Seite der Pflege ab, welche im Zuge der Professionalisierung der Pflege in den Hintergrund getreten ist (Sandelowski 2003). Mit der zu-künftig erwarteten Technisierung der Pflege durch digitale und robotische Artefakte wird die materielle Seite der beruflich erbrachten Pflege jedoch wieder an Bedeutung gewinnen. Angesichts des demographischen Wandels und der zunehmenden Personalknappheit sind mit den Technologien gewisse Erwartungen verbunden die pflegerische Versorgung sichern zu können. Allerdings bildet das berufliche pflegerische Handeln nicht den Hauptfokus in techno-logischen sowie digitalen Entwicklungs- und Implementierungsprojekten. Dies führt zur Unsichtbarkeit beruflich erbrachten pflegerischen Handelns und damit der beruflich Pflegenden als Stakeholder-Gruppe innerhalb dieser Projekte. Dabei ist es wichtig die Relation von Din-gen und Pflegenden zu untersuchen, um den Handlungsbeitrag der Dinge zur beruflichen Handlungsfähigkeit der Pflegenden als leiborientierte Beziehungsarbeit (Remmers 2014) her-auszuarbeiten. Im Zentrum dieser Untersuchung stehen dabei die etablierten und damit scheinbar banalen Dinge der Pflege, weil sie auf der Mikroebene das materiale Ensemble darstellen, in dem die neuen Technologien zukünftig integriert werden sollen. Dabei dient die-se Arbeit als Annäherung an bzw. Vorbereitung einer pflegewissenschaftlich informierten und in der Forschung angemahnten Begriffsarbeit (Hülsken-Giesler 2019), in dem soziomaterielle Aspekte der beruflichen pflegerischen Handlungsfähigkeit und damit der Agency beruflich Pflegender identifiziert werden.
Ziele:
Das Ziel der Untersuchung bildet die Identifikation von soziomateriellen Aspekten beruflicher pflegerischer Handlungsfähigkeit auf empirischer Basis. Hiermit soll ein Verständnis über die Ausformungen materieller Agency in den Relationen von Pflegenden und den Dingen sowie den von ihnen versorgten Menschen entwickelt werden. Die zu formulierenden soziomateriellen Aspekte dienen damit als vorbereitende Arbeit für die weitere Definition und Beschreibung der soziomateriellen Agency beruflich Pflegender.
Studiendesign und Methoden:
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine qualitative Studie, welche ethnographische Untersuchungen und teilstrukturierte Leitfadeninterviews beinhaltet. Sie weist einen explorativen Charakter auf. Als methodische und theoretische Perspektive bezieht sie sich auf Bruno Latours Verständnis der Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour 2014a). Die Interpretation der Beobachtungsprotokolle lehnt sich an dem Konzept der ethnographischen Vignetten nach LeCompte und Schensul an (2013). Die Auswertung der Interviews erfolgt in Form einer qua-litativ-inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2014). Im Studienverlauf sind 19 ethnographische Feldeinsätze in den Handlungsfeldern der stationären Akutpflege und der ambulanten Pflege, inklusive der ambulanten Intensivpflege, sowie 12 Interviews mit beruflich Pflegenden durchgeführt worden.
Ergebnisse:
Die soziomateriellen Aspekte beruflich pflegerischen Handelns erscheinen vielfältig zu sein. Insgesamt ließen sich aus der Zusammenführung von Beobachtungs- und Interviewdaten die Aspekte „Leibsphäre als zu kommunizierender Ansatzpunkt der Dinge“, „Tinkering von Din-gen, Menschen und Räumen als kritisches und unvollständiges Unterfangen“, „Hybridität als Anlass für Sorge um Menschen und (technische) Dinge“, „Qualität soziomaterieller Relationen“, „Fehlender Plug-in-Charakter der Dinge“ sowie „Inskription(en) als Performanz“ interpretieren. Während der erstgenannte Aspekt das Erfordernis an Pflegende die Nutzung der Dinge an und in den Körpern den pflegerisch versorgten Menschen gegenüber proaktiv zu kommunizieren benennt, bezeichnet der zweite Aspekt das Erfordernis zum fortlaufenden Anpassen von Dingen an die Körper der Menschen und umgekehrt auch an die räumlichen Bedingungen. Die Hybridität bezeichnet die enge Kopplung von Ding und Mensch, z.B. im Falle der Verbindung von Mensch und Heimbeatmungsgerät. Diese enge Kopplung begründet dabei in Richtung der Pflegenden ein spezifisches Sorgeverhältnis für beide Entitäten. Hin-sichtlich der Qualität soziomaterieller Relationen lassen sich verschiedene exemplarische Themen interpretieren: Hierzu gehören das Thema des leibkörperlichen Optimums, der ästhetischen Unauffälligkeit und Praktikabilität der Dinge, der Ermöglichung von Autonomie, der relativen Entlastung von Arbeitsaufwand sowie der Ambivalenz von Kontrollgewinn und –verlust. Der Aspekt des fehlenden Plug-in-Charakters wiederum unterstreicht die Bedeutung des professionellen Wissens und der Expertise der Pflegenden, weil die Dinge sie nicht allein handlungsfähig machen können. Zudem erscheint die Inskription als letzter Aspekt eine per-formative Angelegenheit zu sein. Diese erfolgt punktuell in Form der Einarbeitung in den Um-gang mit den jeweiligen Dingen, bedarf aber auch des wiederholten Umgangs mit ihnen.
Diskussion und Schlussfolgerungen:
Die soziomaterielle Agency beruflich Pflegender beruht auf der mutmaßlichen Mitwirkung der materiellen Dinge. Sie verdeutlicht den pflegerischen Arbeitsaufwand und damit auch die Personalintensität der Pflege. Für künftige Entwicklungsprojekte von digitalen und robotischen Technologien sind daher andere Effizienzvorstellungen erforderlich. Mit dieser explorativen Arbeit konnte hierzu eine Annäherung vorgenommen werden. Methodisch hat sich zudem der Nutzwert der Akteur-Netzwerk-Theorie als heuristischer Ansatz für eine mikrologisch orientierte Pflegeforschung zur Beschreibung von soziomateriellen Konstellationen gezeigt.
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Entwicklung und Evaluation eines elektronischen Systems zur Unterstützung der Informationsverarbeitung in pflegerischen DienstübergabenFlemming, Daniel 16 December 2015 (has links)
Pflegerische Dienstübergaben in Einrichtungen des Gesundheitswesens stellen für die Patientensicherheit und die kontinuierliche Versorgung von Patienten zentrale, aber gefährdete Kommunikationsszenarien dar. Die Akteure übergeben dabei nicht nur relevante Detailinformationen, sondern insbesondere auch die Verantwortung über die Versorgung des einzelnen Patienten. Zu diesem Zweck verständigen sie sich auf ein gemeinsames Bild oder mentales Modell zu dem klinischen Fall und dessen Versorgung. Es sind somit neben den kommunikativen insbesondere auch kognitive Prozesse in Dienstübergaben von Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund zielt die vorliegende Arbeit darauf ab, mithilfe eines neuartigen Ansatzes in Form einer kognitiven Karte des klinischen Falls innerhalb einer erweiterten Elektronischen Patientenakte die menschliche Informationsverarbeitung in Dienstübergaben zu unterstützen. Die kognitive Karte soll sowohl die frühen kognitiven Prozesse wie Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, als auch die nachfolgenden kognitiven Prozesse wie Entscheiden und Planen fördern.
Die Arbeit beschreibt die Anforderungsanalyse, die Systementwicklung und eine erste initiale Evaluation der Gebrauchstauglichkeit und der kognitiven Unterstützung des entwickelten Prototypens zur Darstellung kognitiver Karten im Rahmen von pflegerischen Dienstübergaben.
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Die Auswirkungen der Risikopotentialanalyse auf ein Alten- und Pflegeheim als Totale Institution / The impact of the risk potential analysis on a nursing home as a Total InstitutionPöschel, Klaus 13 November 2013 (has links)
Die Auswirkungen der Risikopotentialanalyse auf ein Alten- und Pflegeheim als Totale Institution. Heutzutage gehören Alten- und Pflegeheime zu den Wohnformen im Alter, die aus unserem Alltag in Deutschland nicht mehr wegzudenken sind. Sie bieten einer ständig älter werdenden Bevölkerung ein umfassendes Angebot an Betreuungs- und Versorgungssicherheit. Da die angebotene Qualität dieser Dienstleistung zwischen einzelnen Anbietern recht unterschiedlich ausfällt, ist der Gesetzgeber seit Gründung der Pflegeversicherung bemüht, die Leistungen für die Qualität der angebotenen Pflege und Betreuung durch allgemeine Vorgaben zu sichern und zu verbessern. Dazu wurde die Pflegeprozessmethode mit einer die Pflegequalität fördernden Pflegedokumentation als Verpflichtung vorgeschrieben. In den vergangenen Jahren – bedingt durch die demografische Entwicklung, aber auch durch veränderte gesetzliche Vorgaben – hat sich die Bewohnerstruktur in Alten- und Pflegeheimen verändert. Dort nimmt der Anteil multimorbider Bewohner und solchen mit einer ausgeprägten Demenz stetig zu. Eine der Möglichkeiten, sich auf die verändernden Pflege- und Betreuungsbedürfnisse der Bewohner, wie auch die anwachsenden Anforderungen des Gesetzgebers, einzustellen, besteht darin, häufig vorkommende Bereiche der Pflege- und Betreuung als Risikopotenziale zu benennen. Mit der Methode der Risikopotenzialanalyse werden Pflegefachkräfte unterstützt, für den einzelnen Bewohner die festgelegten Risikopotenziale in ihrer Ausprägung zu erfassen, zu analysieren und zu bewerten. Unterstützt wird ein solches Vorgehen z.B. durch das RiP® Managementsystem, durch transparente Definitionen der einzelnen Risikobereiche, Kriterien zur Gewichtung und Vorschläge für mögliche Pflege- und Betreuungsmaßnahmen. Die vorliegende Studie untersucht die Einführung der Risikopotentialanalyse auf das Alten- und Pflegeheim vor dem Hintergrund des soziologischen Konzepts der Totalen Institution. In der vorliegenden hypothesenprüfenden Evaluationsstudie wurde die Wechselwirkung zwischen der Risikopotenzialanalyse als Instrument zur Systematisierung der Prozessgestaltung in einem Alten- und Pflegeheim und den Merkmalen einer Totalen Institution untersucht. Da das Forschungsfeld auf eine Einrichtung begrenzt war und um die dort gegebene Komplexität abzubilden, wurden im Sinne einer methodologischen Triangulation unterschiedliche Methoden der empirischen Sozialforschung angewandt. Es wurden Experteninterviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern geführt und ausgewertet. Mit den Mitarbeitenden wurden sowohl Experteninterviews wie auch eine Gruppendiskussion zur Ergebnisvalidation geführt und ebenfalls ausgewertet. Als weitere Methode wurde eine empirische Inhaltsanalyse der Pflegeprozessplanungen vor und 18 Monate nach der Einführung der Risikopotenzialanalyse vorgenommen. Danach wurden in einem letzten Schritt die vorliegenden Ergebnisse zur Risikopotenzialanalyse hinsichtlich ihrer Wechselwirkung auf ein Alten- und Pflegeheim und dessen Merkmale als Totale Institution diskutiert. Als zentrales Ergebnis wurde dabei herausgearbeitet, dass es eine Wechselwirkung zwischen der Risikopotenzialanalyse als Instrument zur Prozessgestaltung in einem Alten- und Pflegeheim und dessen Merkmalen als Totale Institution gibt. Diese Wechselwirkung begründet sich zunächst in einem allumfassenden ordnungsrechtlichen Rahmen, der durch seine Anforderungen und Vorgaben eine gleichermaßen abmildernde, verstärkende und nicht zuletzt stabilisierende Wirkung auf die Merkmale des Heims als Totale Institution entfaltet. Die Risikopotenzialanalyse (RIP) selbst wirkt sich durch ihren Aufbau und ihre Struktur für die Anwendung im Pflegeprozess unterstützend auf diese Merkmale aus, denn für den einzelnen Bewohner lassen sich die täglichen Pflege- und Betreuungsmaßnahmen nun transparenter und strukturierter planen als vorher. Auf dieser Grundlage wird es dem Personal erleichtert, für die Durchführung der geplanten Maßnahmen zu sorgen. Die unterschiedlichen Pflege- und Betreuungspläne lassen sich für einen Bereich in einem einzigen rationalen Plan vereinigen, z.B. in einer Plantafel. Andererseits wirkt sich die RIP positiv auf die Wahrnehmung des einzelnen Bewohners und die schriftliche Dokumentation aus. Wurde vor der Einführung (t1) die Qualität der Pflegeprozessplanungen mit einer Gesamtnote von 3,31 bewertet, so hob sich der Notendurchschnitt 18 Monate später (t2) auf 2,45. Für Mitarbeitenden hat sich die RIP als geeignetes Analyse- und Unterstützungsinstrument für die Pflege- und Betreuungsplanung herausgestellt. Sie profitieren von der klar vorgegebenen Struktur von RIP, an der sie sich orientieren können. Das gibt ihnen Sicherheit, aber auch Klarheit für die Beschreibung und Planung der erforderlichen Pflege- und Betreuungsmaßnahmen. Wurden zum Zeitpunkt t1 nur 17 der 32 möglichen Risikobereiche eingeschätzt, so waren es zu t2 im Durchschnitt 31. Diese deutliche Verbesserung zeigt sich auch in der Bewertung der Handlungsanleitung für die geplanten Maßnahmen, die von einer Bewertung von 3,35 auf einen Mittelwert von 2,32 anstieg. Damit profitieren die Bewohner von dieser Entwicklung, auch wenn für sie der Dokumentationsaspekt neben den Erwartungen an die praktische Umsetzung keine Rolle spielt. Darüber hinaus profitieren die Bewohner indirekt davon, dass durch eine risikoorientierte Sichtweise des Personals die Wahrnehmung der Bewohner systematischer und damit individueller geworden ist. Wurden anfänglich nur 53% der Risikopotenziale erfasst und eingeschätzt, stieg der Wert bei der zweiten Messung auf insgesamt 97% an. Wurden zu t1 durchschnittlich 2,27 Pflegesymptome mit 4,51 Ressourcen beschrieben, so stieg als Zeichen der individuelleren Wahrnehmung der Wert zu t2 im Durchschnitt auf 3,77 Pflegesymptome und 5,17 Ressourcen an.
Diese individuellere Wahrnehmung der Bewohner nützt den Mitarbeitenden und den Bewohnern gleichermaßen. Die Mitarbeitenden profitieren von einer verbesserten Dokumentation dahingehend, dass ihnen nun individuellere Informationen ihrer Bewohner zur Verfügung stehen. Aber die Entscheidung, ob und welche Pflege- und Betreuungsmaßnahmen die Pflegekraft für den Pflegekontakt nutzt, fällt hingegen erst im situativen Erleben des Bewohners. Die Bewohner selbst nehmen die Bemühungen der Mitarbeitenden wahr und verlassen sich auf deren Expertise und Erfahrung. Das tun sie aus der Beobachtung heraus, dass das Personal auch dann individuell angemessene Entscheidungen für Pflege- und Betreuung trifft, wenn sie selbst dazu nicht mehr in der Lage sind.
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